Dritter Bericht

Mittlerweile wohne ich wieder bei meiner „echten Gastfamilie“, die sich sehr lieb um mich kümmert, aber ab und zu mal ihre Einkaufstüten im Geschäft vergisst, bis zu zwei Mal in der Woche die Schlüssel im Auto einschließt, um dann drei Stunden auf den Schlüsseldienst zu warten oder mit der ich bis zu drei Mal wieder umkehren muss, nachdem wir das Haus verlassen hatten, weil entweder die Brille, das Handy, die Hundeleine, Geld oder ähnliches vergessen wurde…

Des Weiteren klingelt jedes zweite Mal, wenn ich in dem Auto meiner Gastmutter Wendy sitze, der Alarm, dass das Benzin nur noch für ein paar Meilen reicht: sie tankt immer nur ein bisschen, weil es woanders billiger sein könnte…

Auch wenn wir zusammen backen oder kochen, muss ich viel Zeit einplanen: Für den letzten Apfelkuchen mussten wir drei Mal Einkaufen fahren…

Nachdem wir naemlich am Wochenende „apple picking“-also Äpfel pflücken- waren, haben wir schon mehrere Apfelkuchen, -muffins, -donuts, -mus, und –chips zubereitet... Neben dem alljährlichen „apple picking“ kann man auch Kürbisse "pflücken" : Jedes Jahr zu Halloween gibt es meiner Gastfamilie die Tradition, dass man einem Abend bei heissem "apple cider" (Apfelsaft) und einem Feuer im Ofen zu- sammen Kürbisse schnitzt. Ausserdem backt man Plätzchen, die mit ein paar anderen Halloween- grüssen in einen Korb gelegt werden, den man dann als Geschenk vor die Tür eines Nachbarn stellt. Damit dieser dort nicht zu lange steht, klingelt man an der Haustür und rennt weg.

An jedem Sonntag gehen wir in die Kirche, weil meine Gastmutter Wendy den Kirchenchor leitet, dessen Altersdurschnitt ich von 75 auf 70 Jahre gesenkt habe...

Dieses Wochenende hat die Kirche das sog. „Chicken pie supper“, also Hühnerkuchen-Abendessen organisiert: Wir haben für rund 100 Senioren gekocht und knapp 2000,- $ für wohltätige Zwecke als Spende erhalten!

X-mas

Vor ein paar Wochen war „Homecoming“: Ende September wird jedes Jahr ein Footballspiel zu Ehren ehemaliger Schüler gespielt und am Abend wird in der Cafeteria der Schule getanzt. Die Homecoming –Woche wird auch „spirit week“ genannt: Die gesamte Schüler- und Lehrerschaft zieht sich für eine Woche lang nach bestimmten Themen an, um dem Footballteam ihre Unterstützung zu zeigen: Es gab einen Tier-, Sport-, berühmte-Person- und einen Farbentag.

Bei der sogenannten „peprally“ hat sich die gesamte High School in der Turnhalle versammelt, um sich für das bevor- stehende Footballspiel einzustimmen: Laolawellen ohne Ende, Ketten und T-Shirts in den Schulfarben wurden in die Menge geworfen (ja, da kann es dann auch mal zu kleinen Kämpfen kommen…), jedes Sportteam hat einen einstudierten Tanz aufgeführt, die Lehrer mussten ohne Hände Mohrenköpfe nach Zeit essen und anschließend wurden dann noch der Homecoming -Prinz und -König , bzw. die -Prinzessin und -Königin bekannt gegeben: Jeweils ein Schüler und eine Schülerin aus den einzelnen Jahrgangstufen wurden aufgrund sozialer Aspekte von den anderen Schülern gewählt.

Dieses Jahr war Homecoming im Namen des Krebses: Jeder, ob Zuschauer, Spieler oder Coach hatte rosa an und das an diesem Abend eingenommene Geld wurde an krebskranke Kinder und deren Familien gespendet. So gab es unter anderem ein Schrottauto, auf das man für einen Dollar pro Schlag einhauen durfte…

Am Abend war es dann endlich so weit: Das erste Footballspiel meines Lebens! Wir hatten Nagellack in den Schulfarben blau und gelb, Plakate und „Kriegsbemalung“ auf den Gesichtern und bei jedem Touch-down ist die ganze Tribüne aufge- sprungen und hat getanzt und gejubelt…

Ich habe mir zwar die Regeln erklären lassen, aber die meisten anderen Schüler haben genauso wenig Ahnung von dem Spiel wie ich, was zählt sind die Touch-downs, - man geht einfach zu den Spielen, um das Team anzufeuern und mit Freunden zusammen zu sein.

Nach dem Sieg unseres Teams gab es dann ein riesiges Feuerwerk und ein Lagerfeuer, selbst mit unseren vier Paar Strümpfen und sechs Oberteilen haben wir bei jedem Spiel gefroren – bei leichtem Schneefall lagen die Temperaturen meistens bei ca. 27° Fahrenheit (ca. -3° Celsius).

Am nächsten Tag war der Homecoming-Tanz in der Cafeteria, der wie eine ganz normale Party war, außer dass Eltern darauf geachtet haben, dass wir nicht zu nahe bei einander tanzen…

New York

Solange man in den USA in der High School ist, also bis zur 12. Klasse, gilt man noch als Kind und wird auch als solches behandelt. Ich habe das Gefühl, dass die Kinder hier in der Gesellschaft später „erwachsen“ werden als in Deutschland. Außerdem ist mir aufgefallen, dass das Lehrer- Schüler- Verhältnis auf einer viel freundschaftlicheren Ebene basiert, als das in Deutschland der Fall ist. Auch die Schüler untereinander sind sehr tolerant. Die Menschen hier achten nicht so sehr auf die äußere Erscheinung, sondern sind offen für jeden und so kommt es zu skurrilen Verhaltensweisen: Gewisse Schüler kommen hier seit Jahren mit Schlafanzug und Taucherbrille in die Schule …

Nächste Woche endet das erste Quartal (hier ist ein Schuljahr in vier Quartale untergleidert) und damit auch die Cross Country Saison mit ihren Pizza und Pasta Partys. Unser letzter Wettkampf war ein Kostümrennen, bei dem nicht die Zeit, sondern das Outfit die Gewinner festgelegt hat. Der Gewinner war ein Holzfäller, der eine echte Motorsäge mit sich hatte (und damit die 5 km gelaufen ist!!!). Es hat den ganzen Tag geregnet, sodass wir an manchen Stellen durch kniehohen Schlamm waten mussten, was dazu geführt hat, dass ich den Lauf mit nur einem Schuh beenden musste, und ich deswegen am nächsten Tag sogar mit Bild in der Zeitung stand…


Arrest


Arrest

Außerdem erhielt ich für dieses Rennen den „golden shoe award“. Wir waren bis auf die Haut durchnässt und schlammig von Kopf bis Fuß. Das gesamte Team hat dann also die nassen Klamotten an der Zeltdecke aufgehängt und so hat es im Zelt fast genauso „geregnet“ wie draußen… Unsere „Kriegsbemalung“ an diesem Tag war ausnahmsweise nicht blau und gelb, sondern wortwörtlich schlammbraun…

Ab dem zweiten Quartal werde ich ein sog. Senior sein, das heißt, dass ich ab sofort nicht mehr Kurse der elften, sondern der zwölften Klasse belegen werde und somit dann im Sommer am Ende des Schuljahres den amerikanischen High School Abschluss - in etwa vergleichbar mit dem deutschen Abitur - machen kann. Wir waren auch schon auf dem sogenannten „College fair“, bei dem unzählige Universitäten für neue Schüler warben, allerdings habe ich nicht vor, in den USA zu studieren.

Einmal im Monat treffe ich mich mit meinem „local coordinator“ von meiner Austauschorganisation, um über Gastfamilie, Schule, Befinden, … zu sprechen.

Arrest

Der Arme sieht aber jedes Mal so müde aus, dass ich Angst habe, dass er im nächsten Moment neben mir einschläft, er hat wirklich Mühe seine Augen offen zu halten. Es fällt mir schwer, mit ihm zu kommunizieren:
Wenn ich versuche, ihm auf seine Fragen zu antworten, dann fällt er mir jedes Mal nach den ersten beiden Sätzen ins Wort, und es ist unmöglich für mich, dieses wieder aufzugreifen, weil er sich einfach nicht davon abhalten lässt, von sich selber zu erzählen, egal wie müde er auch sein mag…

Er spielt zusammen mit meiner Gastmutter in der „German band“, die unter anderem auf einem Oktoberfest hier in Vermont gespielt hat: Eine Handvoll Senioren saßen mit Bier und Bratwurst in der Hand in einer Turnhalle und hörten sich deutsche Musik an. Die Amis waren alle total begeistert, auch wenn das hiesige Oktoberfest nicht mit München mithalten kann…

Mittlerweile haben wir es auch zu der in Vermont berühmt berüchtigten Eisdiele „ben ‘n jerry’s“ geschafft, allerdings waren meine Gasteltern dagegen, dass ich den „30-Kugeln-EisEimer“ bestellte, den ich umsonst bekommen, wenn ich ihn augegessen hätte. Wenn man es allerdings nicht schafft, muss man 30$ bezahlen…